5-Sterne-Hotel statt Kaserne

Ich war nach der Grundausbildung, einem 2-Tage Stopp bei der 4 Kompanie in Köpenick, am 20.06.1988 in der 2. Kompanie gelandet. Die ersten Tage waren natürlich noch völlig ungewohnt, den alltäglichen Ablauf auf Kompanie zu verstehen & zu verarbeiten. Nach 2 Tagen hatte ich den ersten Einsatz als Fahrer nach Berlin, es erfolgten noch Fahrten nach Dresden und Garzau in der Woche.


Organisations- und Rechenzentrum – Bunker Garzau; www.bunker-garzau.de

Danach hatte ich häufig Einsätze als Wachdienst für den Garagenkomplex, sowie auch für den allseits beliebten Küchendienst😉.

So auch am Wochenende 16/17.07.1988, diese Dienste am Wochenende waren äußerst undankbar, da man normalerweise Dienstfrei hatte, und es keinen Ausgleich dafür gab.

Am Sonntag, dem 17.07.1988 wurde ich während des Küchendienstes zurück zur Kompanie beordert, Befehl Umziehen, Fahrzeug für KFZ-Apell fertig machen & weitere Befehle abwarten. Es gab eine Abnahme der Fahrzeuge, sowie eine persönliche Ansprache & Inspektion von den Teilnehmern in Ausgangsuniform durch OSL Knaack.

Dort erfuhren wir unseren Auftrag, Fahrt am 18.07.1988 mit Offizieren des Ministerium für nationale Verteidigung zum Flughafen Leipzig/Schkeuditz anlässlich des Besuches von US-amerikanischen Inspektoren in der DDR.

Sinngemäß wurden wir von OSL Knaak darauf hingewiesen, dass amerikanische Soldaten sehr gut ausgebildet sind, und auch speziell im Präsentieren, Repräsentation nach außen, tadellose Uniformen usw. Wir sollten daher natürlich den bestmöglichen Eindruck für die NVA repräsentieren.


Abfahrt morgens 18.07.1988 nach Leipzig/Schkeuditz, am Flughafen geparkt, dann hieß es warten. Man drückte uns einige Wertchecks in die Hand, womit wir im Flughafenrestaurant Kaffee und andere Getränke erhalten haben.



Als die Inspektoren gelandet waren, gab es meiner Beobachtung nach wohl etwas Gerangel um die Zuständigkeit des Transportes. Es stand ein Ikarus Reisebus bereit zum Transport, aber die Delegation stieg dort nicht ein. Nach geraumer Zeit fuhr dann ein russischer Militärbus (im Soldatenjargon=Kastenbrot) vor, und die Gruppe stieg dort ein. Als Busfahrer im zivilen Leben taten mir die Inspektoren fast schon ein wenig leid 😉.


russischer Militärbus = Kastenbrot

Dann hieß es auch für uns Abfahrt – Ziel Leipzig, Hotel am Ring. Ich vermutete, dort werden die Offiziere & die Delegation nächtigen, und wir Kraftfahrer in eine der umliegenden Kasernen zum Übernachten kommandiert.

Zu meiner größten Überraschung hieß es aber, Fahrzeuge parken, Zimmer im Hotel in Empfang nehmen. Jeder von uns Fahrern hat ein Einzelzimmer im Hotel erhalten. Essen und Getränke waren ebenfalls inkludiert, es gab sogar eine extra Speisekarte zu dem Anlass. Der Abend klang dann an der Bar aus….



Meine Schwester wohnte zu dieser in Leipzig, sie hatte nach dem Studium in der Stadt dort gerade ihre erste Anstellung als Ärztin, und so konnte ich sie an diesem Abend noch einladen, mich im Hotel zu besuchen. Ich war öfters in Leipzig, so auch ca. 6 Wochen später als Besucher der Leipziger Messe, sowie des japanischen Restaurants im 5-Sterne- Hotel Merkur.



Es war schon ein tolles Gefühl, diesen Luxus nach dem eher spartanischen Leben der letzten Monate in Anspruch nehmen zu dürfen.  

Bei einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen im Restaurant, kam der Polizeipräsident von Leipzig bei uns vorbei gelaufen, und fragte scherzhaft, ob wir denn auch alle fit sind, und nicht zu tief am Abend in die Gläser geschaut haben. 😉

Natürlich haben wir gesagt, dass wir topfit und nüchtern sind! Er schaute umher, und fragte dann, wo ist eigentlich mein Fahrer? Wie aufs Stichwort kam dieser in dem Moment in das Restaurant mit dunkler Sonnenbrille, und etwas angeschlagen wirkend. 😊

Leider ging es danach mit meinem Nutzer wieder zurück nach Strausberg, ich hätte es sicherlich dort noch eine ganze Weile dort ausgehalten!


INF- Inspektionsfahrten von Roland Schulze


Ergänzende Erläuterungen

Im Juli 1988 trafen erstmals US-amerikanische Inspektionsgruppen in der DDR ein. Sie landeten am 18. Juli 1988 (und folgend am 22. Juli 1988) auf dem Flughafen Leipzig-Schkeuditz, um die Umsetzung des INF-Vertrages zur Beseitigung von Raketen mittlerer und kürzerer Reichweite zu kontrollieren. Begleitet und empfangen wurden sie von Vertretern des DDR-Außen- und Verteidigungsministeriums der NVA.


Hintergrund der Inspektion

  • Der INF-Vertrag von 1987 sah gegenseitige, strikte Kontrollen vor.
  • Amerikanische Experten durften sowjetische Raketenstandorte und deren Auflösung auf dem Gebiet der DDR überwachen.

Ablauf in Leipzig und der DDR

  • Ankunft: Nutzung des Flughafens Leipzig-Schkeuditz als Ein- und Abreisepunkt für die Inspektoren.
  • Betreuung: Das Ministerium für Nationale Verteidigung (NVA) und das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten koordinierten die logistische Abwicklung vor Ort.
  • Kontrollziele: Inspektion von militärischen Standorten und ehemaligen Raketenbasen, an denen nukleare Trägersysteme stationiert waren.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/INF-Vertrag

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_sowjetischen_Militärstandorte_in_Deutschland