(Beitrag von Hans-Peter Martin)
Im Jahre 1977 fand an der Ostsee das Marine-Manöver „Wal 77“ statt. Beteiligt waren alle Armeen des Warschauer Vertrages. Der Führungsstab befand sich in der Militärbasis Rostock-Markgrafenheide.
Hier war ich für 4 Wochen als Kfz-Einsatzleiter abkommandiert. Mir unterstanden alle Pkws, ca. 50, die für die Beweglichkeit der verschiedenen Offizieren zu Land nötig war. Es war eine tolle Zeit, da ich mit meinem Kontingent an Pkw, über die ich zu bestimmen hatte, bei allen ein sehr gefragter Mann war.
Am Ende des Manövers galt es, die Truppen ins heimatliche Kfz-Regiment zurück zu führen. Entgegen des Rates eines älteren Genossen, die Kfz einfach in Alleinfahrt zurück zu schicken, gefiel es mir, die nicht personengebundenen Pkw zu einer stolzen Kfz-Kolonne zusammen zu stellen und einen militärisch geführten Kfz-Marsch durchzuführen. Im Führungsfahrzeug, ein Tatra-Pkw mit Blaulicht saß ich, danach folgten 8 Pkw Wartburg 353, danach 15 UAZ (Jeep). Begleitet von 2 Kradmeldern. Ich teilte die Kolonne in zwei Abschnitte, nach den 8 Wartburg eine etwas größere Lücke und im ersten UAZ ein Leutnant als Kfz Führer. Es war eine stolze Kolonne, die sich mustergültig im Marsch setzte .



Zuerst fuhren wir auf der Autobahn. Hier überholten uns mit hohem Tempo 3 Volvo. Aha dachte ich, Politbüro oder ähnliches. An der Abfahrt Röbel mussten wir die Autobahn verlassen, denn zu diesem Zeitpunkt war die Autobahn Berlin – Rostock noch im Bau. Bis zur Auffahrt Wittstock ging es deshalb per Landstraße weiter. Zwischen zwei Dörfern sah ich die 3 Volvos am Straßenrand stehen und die Insassen erleichterten sich gerade an den Straßenbäumen.
Kurze Zeit später preschten die 3 Volvo in gewagten Überholmanöver an mir und damit meiner Kolonne vorbei und verschwanden hinter der nächsten Kurve. Kurz darauf bekam ich von dem Kradmelder das Zeichen, das es mit der Kolonne ein Problem gibt.

Wir waren kurz vor der Auffahrt Wittstock, des halb fuhr ich mit den hinter mir sichtbaren Kfz auf die Autobahn und auf den in Kürze erreichten Parkplatz. Die Wartburg waren alle komplett hinter mir.
Nach einer bangen Wartezeit kam die Kolonne mit den UAZ, zwar vollzählig, aber die ersten 4 sahen ziemlich demoliert aus.
Was war passiert?
Die Herren in den Volvo müssen beim Überholen auf der Autobahn schon gesehen haben, was für eine Kolonne wir sind. Als sie am Straßenrand standen, war ihnen klar, dass wir auf der Landstraße nur schwer in ganzer Länge zu überholen sind. Also sprangen sie in ihre Fahrzeuge und fuhren rücksichtslos in die kleine Lücke zwischen Wartburg und UAZ-Kolonne.
Da konnte der Führungs-UAZ nur noch eine Gefahrbremsung einleiten und 3 weitere UAZ schafften es nicht und fuhren auf.

Siehe auch hier: Kolonnenmarsch – Kfz-Regiment 2
Kolonnenlänge: Bei 23 Fahrzeuge und einem Abstand von 15 m ergab sich eine Länge von ca. 450 m. Die kann man gewöhnlich auf einer Landstraße nicht überholen.
Das war eine schöne Sch…. Zum Glück waren alle noch fahrtüchtig und so kam ich mit diesen Schrotthaufen im Kfz-Regiment an.
Der Kommandeur sah mich nach meinem Bericht recht ungläubig an und lies mich einen ausführlichen Bericht schreiben. Danach hörte ich zu meinem Erstaunen nie wieder etwas.
Erst viel später erfuhr ich über irgendwelche Genossen, wie es hinter den Kulissen gelaufen ist.
Der Kommandeur wollte mir nicht so recht glauben und hätte mich wohl auch zur Rechenschaft gezogen, aber in dem Moment kam eine Beschwerde des Büros vom 1. Sekretär der SED Werner Lamberz (2. Mann nach Honecker, wurde als sein Nachfolger angesehen, ziemlich umstritten). Man beschwerte sich, dass eine Kfz Kolonne ihnen keine freie Fahrt gewährt hätte.
Nun wussten die Entscheidungsträger, das ich Recht hatte, und deshalb fiel kein Wort mehr zu dem Ereignis.

Erklärung: Es stimmt nicht, das ich irgendwas mit Lamberz mysteriösen Hubschrauberabsturz in Afrika zu tun hatte.

Weiteres zu Lamberz: Vor 40 Jahren – DDR-Politiker verunglückte bei Hubschrauber-Absturz


