(Beitrag von Uwe Horn)
Normalerweise sollte der erste Urlaub für uns Unteroffizierschüler erst im neuen Jahr, Februar 1979, sein. Es gab allerdings zu Weihnachten 1978 eine sogenannte Regimentsmeisterschaft ‚Meilenlauf‘. Jede Kompanie hatte dazu einen (oder mehrere Teilnehmer?) zu stellen. Ob ich mich zu diesem Lauf freiwillig meldete oder delegiert wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls fand dieser Meilenlauf am ersten Weihnachtsfeiertag statt. Start und Ziel dieses Laufes war vor dem Stabsgebäude. Die Streckenführung des Laufes führte rechts am Stabsgebäude vorbei. Dann die Straße Richtung Exerzierplatz und wieder zurück zu Start und Ziel. Diese Strecke musste ungefähr 8 oder 9 Mal zurückgelegt werden. Mit meiner Zeit von 6 Minuten und 44 Sekunden belegte ich letztendlich den zweiten Platz.

Nach den Weihnachtsfeiertagen kam dann die freudige Botschaft. Aufgrund meiner Platzierung erhielt ich vom Kompaniechef, damals noch Hauptmann Conrad, Sonderurlaub über den Jahreswechsel. Die Freude meinerseits war natürlich riesig und ich konnte es kaum erwarten, dass der 30.12. nahte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich ja nicht ahnen was das für ein Abenteuer werden würde.
Der 30.12.1978 war ein Samstag und Urlaub begann normalerweise erst nach Dienstschluss, also 12.00 Uhr. Mittlerweile kamen aber aus dem Norden der Republik fast stündlich Horrornachrichten über das Wetter herein. Die Temperaturen waren in Strausberg zu dieser Zeit auch schon dramatisch abgestürzt. Ich vermute, dass man mich, und andere Urlaubberechtigte, daher schon 2 Stunden vorher aus dem Regiment ließ. Also pünktlich 10:07 Uhr mit der S-Bahn Richtung Berlin gefahren, zum Bahnhof Lichtenberg. Von da fuhren ja die Fern-Züge. Wann wir in Lichtenberg ankamen, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls waren Fahrpläne und Abfahrtzeiten alles nur noch Makulatur, wegen der Witterungsbedingungen. Wenn vereinzelt mal ein Zug abfuhr, orientierte man sich nur nach der Himmelsrichtung in die der Zug fuhr, bei mir also Richtung Süden, und stieg einfach ein. Nach ellenlanger Schleichfahrt mit unzähligen Zwischenstopps auf freier Strecke kam ich dann irgendwann mitten in der Nacht in Halle an. Etwas später konnte ich dann mit dem nächsten Personenzug wieder zurück nach Köthen fahren. Diese halbstündige Fahrt mit dem Bummelzug fand ich sehr angenehm, denn der Zug war beheizt, im Gegensatz zu den anderen Zügen. Denn es herrschten mittlerweile Temperaturen unter -10 Grad und die Ausgangsuniform bestand ja Sommers wie Winters bekanntlicherweise nur aus Halbschuhen. Eisbeine waren also vorprogrammiert. Der halbstündige Fußmarsch vom Bahnhof bis zu mir nach Hause war natürlich auch noch eine Herausforderung bei diesen Schneemassen. Zu Hause wurde ich natürlich schon sehnsüchtig erwartet, obwohl es schon 2 Uhr morgens war. Insgesamt hat also die Heimfahrt von Strausberg bis nach Köthen über 14 Stunden gedauert, normalerweise nur zwei. Mittlerweile hatten wir also schon den Silvestertag und ich musste am 01.01 wieder zurück, um am 2.1 wieder pünktlich zum Dienst zu erscheinen. Die Rückfahrt von Köthen nach Strausberg verlief eigenartigerweise ohne Komplikationen, so dass ich pünktlich kurz nach 22 Uhr im Regiment wieder ankam. Das war also mein erster Urlaub bei der Fahne. Obwohl es auf den Tag 47 Jahre her ist, werde ich wohl diese Aktion nie vergessen. Allerdings war der 02.01. der 50ste Geburtstag meines Vaters.
weiteres zur Schneekatastrophe 1978
- https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Schneekatastrophe-1978-79-Wie-der-Norden-im-Chaos-versank,schneekatastrophe222.html
- https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/schneekatastrophe-winter-kaelte-schneechaos-solidaritaet-100.html
- https://meteocb.wordpress.com/2014/10/05/wettergeschichte-29-30-dezember-1978-und-plotzlich-wurde-es-eiskalt/
- http://www.saevert.de/1978wetterlage.htm


