Als Stabsschreiber im Vordrucklager des Regiments

(Beitrag von Hans Peter Nicolai)


Ich war Stabsschreiber im Kfz-Regiment 2 in Strausberg. Viel Alltag bestand aus Listen, Meldungen, Schreibmaschinenklappern u.v.m. Unter anderem hatte ich die Schlüssel für das Vordrucklager des Regimentes. Das Lager lag gleich hinter dem Kompaniegebäude. Von außen unscheinbar – drinnen eine eigene Welt: hohe Regale, sauber aufgereiht, endlose Stapel an Formularen. Alles, was eine Armee in Friedenszeiten und Übungen an Papier braucht: Marschbefehle, Materialanforderungen, Meldungen, Übergabeprotokolle, Nachweise. Ordentlich, nüchtern, nahezu beruhigend.

Als Stabsschreiber im Vordrucklager des Regimentes



Eines Tages dachte ich mir: Schau doch mal, was es da alles gibt. Kein besonderer Anlass – eher Neugier, wie man sie hat, wenn man einen Schlüssel besitzt und sich für einen Moment mehr erlauben kann als nur den vorgesehenen Ablauf. Ich ging durch die Regalreihen, blätterte hier, blätterte da. Papier raschelte, Staub hing in der Luft, und jedes Formular wirkte wie eine kleine Schublade in einem riesigen System.
Dann stieß ich auf einen Vordruck, der mich auf eine merkwürdige Weise aus dem Alltag herausriss. Es ging um die Erfassung chemischer und bakteriologischer Verseuchung von Geländeabschnitten. Und es war nicht irgendein grobes Schema – es war präzise, fast schon erschreckend technisch:

  • welcher Kampfstoff,
  • welche Konzentration,
  • welche kontaminierte Fläche,
  • welche Ausbreitungsrichtung,
  • welche Messpunkte,
  • welche Zeiten.

Zeile für Zeile, Kästchen für Kästchen – als wäre das Unvorstellbare etwas, das man einfach ordentlich eintragen kann.



Ich weiß heute nicht mehr ganz sicher, ob dieses Formular für Messergebnisse gedacht war – also für das, was auf dem Gefechtsfeld festgestellt wird – oder ob es auch die Verseuchung abbilden sollte, die man selbst verursacht. Genau das könnte vermutlich nur der chemische Offizier unseres Regimentes (Major Bechmann) beantworten. Aber schon die bloße Existenz dieses Vordrucks reichte: In diesem Moment wurde mir klar, wie nah hinter der Routine eine zweite Wirklichkeit lag – eine, über die man nicht sprach, weil sie zu groß war.
Mein erster Impuls war, eine Seite mitzunehmen. Aber fast gleichzeitig kam der zweite Gedanke: Lass das. Dieses Blatt Papier könnte mir Menge Ärger bringen. Also legte ich den Vordruck zurück.


Und doch nahm ich etwas mit – nur eben nicht in der Tasche. Seitdem ist mir dieser Moment geblieben: das leise Rascheln im Regal, die nüchternen Spalten, und das Gefühl, dass man als junger Soldat manchmal näher an den großen, dunklen Linien des Kalten Krieges stand, als man es im täglichen Dienst wirklich begriff.
Rückblickend denke ich oft: Wir hatten Glück. Sehr viel Glück. Dass es nicht zur direkten Konfrontation zwischen Warschauer Vertrag und NATO gekommen ist, dass all diese Szenarien – und damit auch diese Formulare – Theorie geblieben sind. Dass „Massenvernichtungsmittel“ für uns vor allem Wörter waren, nicht Wirklichkeit.
Und ich hoffe, mit dem Abstand von Jahrzehnten, heute genauso wie damals: dass es auch so bleibt.


Quelle: Praktischer Leitfaden zur Medizinischen Versorgung von
Chemiekampfstoffopfern (OPCW)