(Beitrag von Hans-Peter Martin)
Wie ich schon in meinen Erinnerungen über meine Dienstzeit geschrieben habe, war ich von 1975 bis 1980 Kompaniechef der 2. Pkw-Kompanie. In meinem Bestand waren 20 Pkw Typ Wartburg 353 und 20 Lada. Zu ca. 80% waren alle tagtäglich auf den Straßen der DDR unterwegs. Da blieb es nicht aus, dass es auch zu Unfällen kam. Meistens waren es Blechschäden. Fast immer kam der verunfallte Genossen mit strahlendem Gesicht an, „ Ich bin aber unschuldig“. Das mochte ihm zwar beruhigen, meine militärischen und technische Vorgesetzten sahen es aber anders. Denn jeder Unfall, egal ob schuldig oder unschuldig verlangte Ersatzteile, die sehr knapp waren und verursachte Ausfallzeit.
LKW der GSSD
Tragischer war es dann schon, wenn es zu Personenschäden oder noch schlimmer kam.
Es war ein schöner Sommertag, als mich mittags die Nachricht ereilte, schwerer Verkehrsunfall. Auf der Landstraße Strausberg-Tasdorf in Richtung B1 war ein Soldat mit einem Wartburg und einem Stabsfeldwebel aus dem MfNV unterwegs. An der Kreuzung Tasdorf (heute der Tasdorfer Kreisel), an der die oben genannte Landstraße mit der Straße von Petershagen nach Rüdersdorf sich kreuzt, hatte es gekracht. Obwohl für den aus Richtung Petershagen kommenden Lkw Typ Ural 375 ein Stoppschild stand, fuhr dieser, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, geschweige denn anzuhalten, über die Kreuzung in dem Moment, als mein Soldat mit den erlaubten 80 km/h ebenfalls auf die Kreuzung zu fuhr.
So krachte der Wartburg zwischen Vorderachse und Hinterachse in den Lkw, riss den Benzintank auf und sofort stand alles lichterloh in Flammen. Von den beiden Soldaten blieb nur noch Asche übrig.

Das Prekäre an der Situation, der Lkw war ein Fahrzeug der sowjetischen Streitkräfte (GSSD) und die Stimmung in der Bevölkerung war schon recht unterschiedlich.
Mein Kommandeur Oberst Huber befahl mir, „ Du fährst mit Major Hunger (Kaderchef des Regiments) zu den Eltern des Verunglückten, dein Politoffizier kann das nicht.
So fuhren wir nach Boitzenburg an der Elbe zu den Eltern des verstorbenen Soldaten. Mir war schon recht flau im Magen, wie würden wir empfangen werden? Zum Glück hatten Genossen des Wehrkreiskommandos schon die erste Nachricht überbracht.
Die Eltern und auch seine Braut nahmen uns relativ gefasst auf. Wir schilderten den Unfallhergang, dass ihr Sohn unschuldig ist und den Unfall nicht verhindern konnte. Über den Unfallverursacher schwiegen wir uns aus. Sie nahmen nicht nur unseren Zuspruch an, sondern auch das Angebot, ein militärisches Begräbnis zu organisieren. So bin ich in der folgenden Zeit noch zwei mal nach Boitzenburg gefahren. Einmal, um alles vorzubereiten und dann als Teilnehmer des militärischen Begräbnisses mit Ehrenzug und Salutschießen.
Traktor
So das war`s, dachte ich mir. Denn laut Statistik passierten im Regiment aller 20 Jahre ein tödlicher Verkehrsunfall auf öffentlichen Straßen. Etwa ein halbes Jahr später, ich war abends beim Elternabend unseres älteren Sohnes, da erschien ein Soldat :“ Sofort zur Dienststelle!“ Ein Zivilbeschäftigter meiner Kompanie (ich hatte 10 Zivilbeschäftigte als Kraftfahrer) war mit seinem Lada tödlich verunfallt. Beim Überholen eines Traktors mit einem Güllefasses hatte sich dieses gelöst und hatte den Lada platt gemacht, der Kollege hatte kein Chance. Das Besondere an dem Fall aber war, er hätte mit seinem Lada gar nicht dort sein dürfen. Nachdem er seinen Nutzer abgesetzt hatte, nutzte er den Pkw für eine kleine Spritztour. Und wie die Unfallaufnahme ergab, auch noch zu einem Seitensprung mit der Frau, die mit im Auto zu Tode kam.
Ich bekam die Aufgabe , wieder mit Major Hunger die Todesnachricht an seine Ehefrau zu überbringen. Wie so was geht, sieht man ja heute öfters im Fernsehkrimi. Taktvoll verschwiegen wir den Seitensprung.
Es kam erst alles raus, als die Ehefrau sich beschwerte, das sie für Ihren Mann keine militärische Unterstützung bekam. Für Schwarzfahrer gab es nichts.
Der Kraftfahrer war schwer verletzt und lag im Krankenhaus in Eberswalde. Ich fuhr zu ihm, er lag im Koma. Ich lernte seine Mutter kennen und sprach mit einer sehr gefassten Frau, denn sie war Krankenschwester und konnte die Situation sehr gut einschätzen. Einige Tage später war er seinen schweren Verletzungen erlegen. Die Mutter sagte mir: “Herr Martin, bei der Schwere der Verletzung ist es das Beste für meinen Sohn und alle anderen, dass er jetzt Ruhe findet, denn wenn er wieder zu Bewusstsein gekommen wäre, wäre das ein ganz schwerer Pflegefall geworden, von dem keiner etwas gehabt hätte.“
Und neben unserer Unterstützung kam die Bitte von der Mutter: „Ich möchte das Sie die Trauerrede halten“. So wurde ich auch noch Trauerredner und muss es ganz gut gemacht haben, denn in der Trauerdanksagung in der Zeitung wurde mir öffentlich gedankt.
Ich bin dennoch sehr froh, das nie wieder in diese Lage versetzt wurde.

Ergänzungen
Unfälle der GSSD in der DDR
Unfälle mit Angehörigen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) in der DDR waren keine Seltenheit, wurden jedoch von den Behörden oft vertuscht oder geheim gehalten. Diese Unfälle umfassten schwere Verkehrsunfälle, Zugkollisionen und Vorfälle bei Manövern, bei denen häufig auch die Zivilbevölkerung betroffen war. Die Zahl der Verkehrsunfälle unter Beteiligung von GSSD-Angehörigen war hoch. Allein für das Jahr 1970 wurden über 150 Verkehrsunfälle verzeichnet, an denen Fahrzeuge oder Personen der sowjetischen Armee beteiligt waren. Oft waren es Zusammenstöße mit Pkw der Zivilbevölkerung.
Besonders schwere Unfälle der GSSD in der DDR:
- Zugunglück bei Trebbin (1962): Im März 1962 kollidierte ein mit Panzern beladener Güterzug der GSSD nahe Trebbin mit einem Personenzug, was zu zahlreichen Toten und Verletzten führte. Das Unglück wurde in der DDR über zwei Jahre lang verschwiegen.
- Raketenkatastrophe von Dannenwalde (1977): Am 14. August 1977 führte ein Blitzeinschlag in ein Munitionslager der sowjetischen Truppen in Dannenwalde zu schweren Explosionen. Schätzungen über die Zahl der getöteten sowjetischen Soldaten variieren stark, Berichten zufolge gab es jedoch keine Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung.
- Eisenbahnunfall von Forst Zinna (1988): Eines der schwersten Unglücke ereignete sich am 19. Januar 1988. Ein 42 Tonnen schwerer T-64 Panzer der sowjetischen Armee geriet während einer Fahrausbildung auf die Strecke zwischen Leipzig und Berlin und kollidierte mit einem Schnellzug. Sechs Menschen starben, 33 wurden zum Teil schwer verletzt.
Siehe auch hier: Vorkommnisse mit Angehörigen der GSSD, 19. Februar 1981


